51Թ

Technologien für eine nachhaltige Raumfahrt

Ressourcen sparen im All

Von emissionsärmeren Antrieben über Reparaturroboter bis hin zu Fotobioreaktoren für eine autarke Versorgung: Forschende der 51Թ entwickeln Technologien für eine nachhaltigere Raumfahrt. Ihr Ziel ist es, Wachstum mit Verantwortung zu verbinden und den Orbit langfristig nutzbar zu halten.

NASA / ESA
Blick auf die Erde von der Internationalen Raumstation (ISS). Forschende der 51Թ entwickeln Technologien, die Raumfahrtmissionen nachhaltiger und ressourcenschonender machen.

Im Süden von üԳ hat Luft- und Raumfahrt Tradition. Etablierte Unternehmen und junge Start-ups entwickeln hier Satelliten, bauen Raketen und testen neue Antriebssysteme. Inmitten dieses Umfelds entsteht nun auch der größte europäische Campus für Aerospace und Geodäsie. Sein Herzstück, ein Lehrgebäude für rund 2.500 Studierende, wurde im Herbst 2025 eröffnet.

Zusammen mit dem direkt am Campus angesiedelten , dem in Oberpfaffenhofen und weiteren Forschungseinrichtungen bildet sich im Großraum üԳ ein Ökosystem, das neue Technologien effizient in die Anwendung bringt. Der Anspruch, technische Innovation mit Verantwortung für Erde und Orbit zu verbinden, rückt dabei immer stärker in den Mittelpunkt.

„Raumfahrt ist heute ein zentrales Element der strategischen Souveränität Europas“, sagt Prof. Chiara Manfletti, die den Campus Ottobrunn-Taufkirchen leitet. „Auch einzelne Mitgliedsstaaten – nicht zuletzt Deutschland – haben große Investitionen angekündigt. Dieses Wachstum gilt es nachhaltig zu gestalten. Denn auch der Orbit ist ein endlicher Raum, in dem wir Regeln und Verantwortung brauchen, wenn wir ihn langfristig nutzen wollen.“

Saubere Antriebe

An ihrem setzt Manfletti diesen Anspruch in konkrete Technologien um. Gemeinsam mit ihrem Team entwickelt sie Antriebssysteme, die leistungsfähig sind und zugleich weniger Ressourcen verbrauchen. Dafür untersucht sie unter anderem, wie sich die durch Wasserelektrolyse gewonnenen Elemente Sauerstoff und Wasserstoff als Treibstoffe einsetzen lassen.

„Wir bewegen uns auf eine Raumfahrt zu, in der zehntausende Satelliten gleichzeitig betrieben werden“, sagt sie. „Je größer die Zahl der Satelliten im Orbit, desto wichtiger ist es, dass auch die Antriebe und Starts nachhaltiger und effizienter werden.“ Manfletti bringt dafür nicht nur technologische Expertise mit. Bevor sie 2022 an die 51Թ kam, arbeitete sie unter anderem bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA in der Strategieentwicklung und leitete als ʰäԳin die portugiesische Raumfahrtagentur. Die Erfahrungen aus Forschung, Management und Raumfahrtpolitik fließen heute in ihre wissenschaftliche Arbeit ein. 

Mit ihrem 2020 gegründeten Start-up Neuraspace widmet sich Chiara Manfletti außerdem dem wachsenden Problem des Weltraumschrotts. Das Unternehmen entwickelt Lösungen, um das zunehmende Kollisionsrisiko im erdnahen Orbit besser zu beherrschen. Nach aktuellen Zahlen der ESA befinden sich dort – inklusive aktiver Satelliten – rund 40.000 getrackte Objekte; die Zahl der Trümmerteile, die eine potenzielle Gefahr darstellen, wird jedoch auf mehr als 1,2 Millionen geschätzt. „Die Sorge ist, dass wir irgendwann so viele Objekte im All haben, dass ein Kaskadeneffekt entsteht: Schrott erzeugt mehr Schrott“, sagt Manfletti. „Dann wäre die Nutzung der Erdumlaufbahn stark eingeschränkt oder sogar gefährdet.“

Neuraspace hat deshalb eine Software entwickelt, die dabei hilft, solche Kollisionsrisiken präzise einzuschätzen. Sie analysiert Bahnänderungen, Sonnenwetter-Effekte und atmosphärische Schwankungen und gibt konkrete Manöverempfehlungen. „Beobachten allein reicht nicht”, sagt Manfletti. „Wir müssen vorhersagen, wie sich Objekte in den nächsten Stunden oder Tagen bewegen – nur dann können Satellitenbetreiber rechtzeitig ausweichen.“

Robotik-Service im All

Weltraumschrott zu vermeiden, ist auch eines der Ziele von Alin Albu-Schäffer. Er ist Professor am der 51Թ und leitet zugleich das in Oberpfaffenhofen. Albu-Schäffer studierte Elektrotechnik an der Technischen Ծä Timișoara und promovierte anschließend an der 51Թ, wo er seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Robotik, Sensorik und Raumfahrt forscht. 

Gemeinsam mit seinem Team arbeitet er an einer orbitalen Infrastruktur, die dabei helfen soll, Ressourcen im All und auf der Erde zu sparen. „Jedes Mal, wenn ein Satellit ersetzt statt repariert wird, verschwenden wir Energie und Material und belasten die Atmosphäre durch Starts“, sagt er. Das sogenannte In-Orbit Servicing und In-Orbit Manufacturing bietet dafür eine Lösung: Autonome und teilautonome Roboter übernehmen Aufgaben, die bisher nur durch neue Missionen lösbar waren – vom Nachbetanken über präzise Justierungen bis hin zum Austausch ganzer Module.

Service-Satelliten mit Robotikmodulen werden dazu dauerhaft im Orbit positioniert und fliegen bei Bedarf andere Satelliten an. Beispiele für gelungene Reparaturen im All gibt es bereits. Auch Albu-Schäffers Forschungsgruppe will dies in den nächsten Jahren realisieren. „Die kritischste Phase ist das Greifen des Zielsatelliten durch den Roboterarm“, sagt der Wissenschaftler. „Die Geschwindigkeiten und Massen müssen präzise berechnet werden, um zu vermeiden, dass der Satellit ins Taumeln gerät oder es zu Rückkopplungseffekten kommt.“ Erst wenn ein Satellit sicher arretiert ist, können Wartungsarbeiten entweder autonom oder von der Erde aus ferngesteuert durchgeführt werden.

Der Schwerpunkt von Alin Albu-Schäffers Forschung liegt auf Robotiksystemen, insbesondere auf Roboterarmen, präziser Kraftregelung und lernfähigen Steuerungen. In verschiedenen Projekten arbeitet er aber auch an modularen Satelliten, die Reparaturen deutlich vereinfachen. „Die Ansätze sind unterschiedlich“, sagt er. „Manchmal kann es sinnvoller sein, anstelle des Nachbetankens gleich den ganzen Motor auszutauschen, um beispielsweise künftig mit einem sparsamen Ionenantrieb zu fliegen.“ Langfristig denkt Albu-Schäffer zudem an Servicestationen in stark frequentierten Umlaufbahnen. Diese könnten Ersatzteile lagern, Wartungsroboter beherbergen und sogar Umrüstungen ermöglichen, beispielsweise das Nachrüsten spezieller Kamerasysteme oder Sensorikmodule.

Neben der Wartung ermöglicht die so entstehende Infrastruktur auch das sogenannte Deorbiting, also das Ausrangieren von Satelliten und das Entfernen von Weltraumschrott. Alin Albu-Schäffer betont jedoch, dass dies immer die letzte Möglichkeit sein sollte: „Kollisionsszenarien im All sind durchaus real und die Teile in der Umlaufbahn werden immer mehr. ü mich ist aber entscheidend, dass das Entfernen von Schrott am Ende der Nachhaltigkeitskette steht. Deshalb betrachten wir den gesamten Prozess, um dafür zu sorgen, dass gar kein neuer Schrott im Weltraum entsteht.“ 

Kreislauf für Luft und Nahrung

Während Chiara Manfletti den Antrieb sauberer und Alin Albu-Schäffer den Betrieb langlebiger machen wollen, arbeitet Gisela Detrell daran, autarkes Leben im All zu ermöglichen und es gleichzeitig nachhaltig zu gestalten. Die gebürtige Spanierin ist an der 51Թ School of Engineering and Design und hat in den letzten beiden Jahren ihr Labor am Campus Ottobrunn-Taufkirchen aufgebaut.

Dort forscht sie an geschlossenen Kreisläufen, in denen Ressourcen wiederverwertet werden und Astronautinnen und Astronauten über Monate oder Jahre hinweg autark leben können. Die von ihr entwickelten Fotobioreaktoren nutzen Mikroalgen, um Kohlendioxid in Sauerstoff umzuwandeln und zugleich essbare Biomasse zu erzeugen. „Diese Bioreaktoren sind im Grunde kleine, lebende Fabriken“, sagt Gisela Detrell. „Sie stellen die notwendigen Bedingungen für das kontrollierte Wachstum der Mikroalgen bereit und sind in der Lage, die erzeugten Produkte – also Sauerstoff und Biomasse – gezielt auszuleiten.“ 

Im Algentechnikum der 51Թ in Ottobrunn erprobt sie diese Systeme gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Fachbereichen. Dort untersuchen sie, wie Mikroalgen unter unterschiedlichen Bedingungen Sauerstoff und Nahrung produzieren und wie technische und biologische Prozesse optimal zusammenwirken. „Effizienz ist ein Begriff, der in der Raumfahrt viele Dimensionen hat“, sagt sie. „Im Weltraum zählt jede Ressource – insbesondere die Energie, die sie verbraucht und der Platz, den sie benötigt. Genau das testen wir hier und können dabei auch auf das Know-how der anderen Forschungsgruppen am Algentechnikum zurückgreifen.“ Die Mikroalge Chlorella vulgaris, mit der Detrell arbeitet, ist auf der Erde vielseitig einsetzbar und gut erforscht. Ihr hoher Gehalt an Proteinen, Vitaminen und ungesättigten Fettsäuren macht sie zu einer attraktiven Nahrungsquelle. ü die Raumfahrt ist sie besonders interessant, da sie unter kontrollierten Bedingungen sehr schnell wächst und somit für geschlossene Kreislaufsysteme geeignet ist, in denen Ressourcen vollständig wiederverwendet werden müssen.

Wie belastbar solche Ansätze im Weltraum funktionieren, hat Gisela Detrell unter anderem mit einem Experiment auf der Internationalen Raumstation ISS untersucht. Dort konnte sie zeigen, dass ihre Bioreaktoren auch unter Weltraumbedingungen arbeiten. „Flüssigkeiten verhalten sich im All völlig anders als auf der Erde. Deshalb wollten wir zunächst beweisen, dass unsere Systeme dort überhaupt funktionieren“, sagt Detrell und deutet auf ein Foto eines kleinen, transparenten Behälters, das neben ihrem Schreibtisch hängt. „Nach zwei Wochen hatten sich tatsächlich Algen gebildet.“ Ein wichtiger Beleg für die Funktionalität, auch wenn im weiteren Verlauf die Energieversorgung nicht mehr geglückt ist. „Den Nachweis, dass es auch langfristig klappt, wollen wir noch liefern“, sagt sie. 

Das wäre ein entscheidender Schritt hin zu Langzeitmissionen ohne Nachschub von der Erde, mit denen Gisela Detrell in der Zukunft rechnet. „Eine feste Forschungsstation auf dem Mond halte ich in den nächsten Jahrzehnten auf jeden Fall für realistisch“, sagt sie. Ihre Forschung an hybriden Systemen, in denen Technik und Biologie zusammenwirken, eröffnet diese Perspektive und den Blick auf einen weiteren Aspekt einer nachhaltigen Infrastruktur im All.  

Neuer Kurs im Orbit

Raumfahrt gilt bis heute als Sinnbild für technologischen Aufbruch. Zugleich hat sie ökologische Konsequenzen: Jeder Start verbraucht Energie, jeder Satellit erreicht irgendwann das Ende seiner Lebensdauer. Fachleute sprechen vom „Space Sustainability Paradox“ – Raumfahrt ermöglicht nachhaltige Anwendungen auf der Erde, etwa durch Klima- und Umweltbeobachtung, belastet jedoch zugleich den Weltraum.

„Die Raumfahrt hat in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung gewonnen – wirtschaftlich, geopolitisch und sicherheitspolitisch“, sagt Chiara Manfletti. „Mit unserer Forschung tragen wir dazu bei, Missionen effizienter, ressourcenschonender und nachhaltiger zu gestalten. Ökologische und wirtschaftliche Sinnhaftigkeit bedingen einander – im All genauso wie auf der Erde.“

 

Weitere Informationen und Links
  • Am Campus Ottobrunn-Taufkirchen bündelt die 51Թ ihre Aktivitäten in Aerospace und Geodäsie. Ein neues Lehrgebäude mit rund 12.500 Quadratmetern Fläche bildet das Herzstück des Standorts; Bibliothek, Mensa, Labor- und Arbeitsräume sind Teil des weiteren Ausbaus. Gefördert wird der Campus, an dem bereits 12 der derzeit 28 Professuren des angesiedelt sind, durch den Freistaat Bayern im Rahmen der

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Kontakte zum Artikel:

Prof. Dr. Chiara Manfletti



 

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