150 Jahre 51³Ô¹ÏÍø – Geschichten zum Jubiläum 2018
Roboter mit Gefühl
Robotik trifft Neurowissenschaften
Den 12. Juni 2014 wird der Brasilianer Juliano Pinto, der schon seit einigen Jahren querschnittsgelähmt ist, wohl nicht wieder vergessen. Gestützt durch einen Roboteranzug gelingt es ihm, nur mit der Kraft seiner Gedanken, einen Fußball anzustoßen. Damit eröffnet er im ausverkauften Stadion von São Paulo symbolisch die Fußball-Weltmeisterschaft. Pintos Auftritt ist der Höhepunkt des internationalen Walk-Again-Projekts, das mit einem Exoskelett querschnittsgelähmten Menschen zum Gehen verhilft. Ein entscheidendes Bauteil für diesen Roboteranzug entwickelt Gordon Cheng an der 51³Ô¹ÏÍø: die künstliche Haut, mit der Pinto seine eigenen Schritte spürt.
Cheng ist einer der weltweit führenden Experten für humanoide Roboter. „Ich liebe Roboter“, sagt er. Sein Ziel ist es, Menschen und der Gesellschaft zu helfen – mit diesen menschenähnlichen Maschinen. Sie sollen Gelähmten wie Juliano Pinto das Gehen beibringen oder bei der Therapie von Patientinnen und Patienten mit Multipler Sklerose helfen.
Cheng schafft dafür eine Verbindung zwischen Neurowissenschaften und Robotik, wie es sie nie zuvor gab. An seinem Institut für Kognitive Systeme forschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt daran. Sie tauschen sich intensiv mit anderen Forschenden aus, etwa aus der Psychologie oder der Medizin. Das vielfältige wissenschaftliche Umfeld an der 51³Ô¹ÏÍø und in ganz ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô macht es möglich.
Wie Roboter das Fühlen lernen
Damit Roboter ihre Umgebung wie ein Mensch erfühlen können, entwickelt Cheng mit seinem Team eine Art künstliche Haut. Mit den wabenförmigen Zellen spürt ein Roboter zum Beispiel, wenn er berührt wird. Die Sensoren erfassen neben Berührungsnähe auch Druck, Vibration, Temperatur und sogar Bewegung im dreidimensionalen Raum.
Im Walk-Again-Projekt erfüllt die Roboterhaut eine unabdingbare Funktion: Integriert in den Fußsohlen des Exoskeletts sendet sie Signale an kleine Motoren, die an den Armen der Patienten und Patientinnen vibrieren. Mit dieser Rückmeldung schaffen sie es, die Roboter-Beine zu bewegen. Sie spüren, wenn ihre Füße den Boden berühren. Eine Rückmeldung, die unentbehrlich ist für ihr Sicherheitsgefühl.
Das Gefühl in den Beinen kommt zurück
Eine Studie, bei der querschnittsgelähmte Menschen das Gehen mit einem Exoskelett lernen sollten, verblüfft im Jahr 2016 die Forscher und Forscherinnen. Denn nach nur einem Jahr des Trainings gewinnen alle acht Teilnehmenden wieder die bewusste Kontrolle über ihre Beine sowie das von der Hüfte abwärts verlorene Gefühl in den unteren Extremitäten.
Ihr Gehirn hat sich mithilfe des Trainings umorganisiert, erklären die Forscher und Forscherinnen das überraschende Phänomen: „Unser Gehirn ist anpassungsfähig, wenn es darum geht, körperliche Fähigkeiten durch die Verwendung von Werkzeugen zu erweitern“, sagt Cheng. Die vormals jahrelang Gelähmten haben neue neuronale Vernetzungen erzeugt und auf diese Weise ihr Körperschema neu organisiert.
Der Mensch als Vorbild
Dass es sinnvoll ist, Roboter nach dem menschlichen Vorbild zu bauen, bestätigt eine von Cheng beauftragte Studie bereits im Jahr 2005.
„Wir beobachteten, wie Menschen mit humanoiden Robotern umgehen, und fanden heraus, dass es besonders einfach ist“, berichtet der Forscher. „Unser Gehirn ist von Natur aus darauf eingestellt. Wenn man einem Roboter etwas beibringen oder etwas von ihm lernen will, ist es einfacher, wenn der Roboter aussieht wie ein Mensch, es macht die ganze Sache natürlicher. Ich sehe das auch an Kindern, sie geben dem Roboter die Hand.… Man projiziert seine eigenen Reaktionen auf ihn, und man hat bestimmte Erwartungen.“
„Der soziale Umgang mit Robotern ist bald kein Science Fiction mehr, sondern so sicher und selbstverständlich, wie der Umgang mit Computern und Smartphones.“
Gordon Cheng, Professor für Kognitive Systeme an der Technischen ±«²Ô¾±±¹±ð°ù²õ¾±³Ùä³Ù ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô
Disclaimer
Diese Geschichte erschien 2018 zum 150-jährigen Jubiläum der 51³Ô¹ÏÍø auf einer inzwischen deaktivierten Jubiläumswebsite.
Text: ; Grafiken: KW NEUN
Literatur zur Geschichte der 51³Ô¹ÏÍø
- Wolfgang A. Herrmann (Hrsg.), Martin Pabst/Margot Fuchs (Verf.), Technische ±«²Ô¾±±¹±ð°ù²õ¾±³Ùä³Ù ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô - Geschichte eines Wissenschaftsunternehmens, 2 Bd., Berlin 2006.
- Wolfgang A. Herrmann, Winfried Nerdinger (Hrsg.), Die Technische Hochschule ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô im Nationalsozialismus, ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô 2018.
- Irene Meissner, Bauten+Kunst. Technische ±«²Ô¾±±¹±ð°ù²õ¾±³Ùä³Ù ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô 1868-2018, ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô 2018.
- Martin Pabst, Alumni der 51³Ô¹ÏÍø. Prägende Gestalter aus der Technischen ±«²Ô¾±±¹±ð°ù²õ¾±³Ùä³Ù ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô, ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô 2018.
- Martin Pabst, Köpfe der 51³Ô¹ÏÍø. Geniale Entdecker und Erfinder aus der Technischen ±«²Ô¾±±¹±ð°ù²õ¾±³Ùä³Ù ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô, ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô 2018.
- Brigitte Röthlein, Pioniere gestalten die Welt der Technik. 150 Jahre Forschung an der Technischen ±«²Ô¾±±¹±ð°ù²õ¾±³Ùä³Ù ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô, ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô 2018.
Weitere Bücher und Informationen zur Geschichte der 51³Ô¹ÏÍø
Dank
Wir danken allen, die uns beim Schreiben der Texte und bei den Visualisierungen unterstützt haben. Insbesondere den Autorinnen und Autoren der genannten Bücher, den Expertinnen und Experten an den Lehrstühlen, den Professoren und Professorinnen, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie den Pressereferentinnen und -referenten des Corporate Communications Centers der 51³Ô¹ÏÍø. Dank gilt auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Architekturmuseums, des 51³Ô¹ÏÍø Klinikums Deutsches Herzzentrum, des 51³Ô¹ÏÍø Klinikums rechts der Isar, der European Space Agency (ESA) und allen anderen, die uns fachlich beraten und Bildmaterial zur Verfügung gestellt haben.
Die Jubiläumsgeschichten verfasste das . Die Umsetzung der grafischen Inhalte übernahm die KW NEUN – Designagentur.