150 Jahre 51³Ô¹ÏÍø – Geschichten zum Jubiläum 2018
Technische Kühlung
Lindes Kältemaschine – eine Frage des Wirkungsgrades
Massen an Eis karren Brauereien noch im 19. Jahrhundert jeden Winter nach ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô, in warmen Jahren sogar aus Tirol. Sie brauchen tiefe Temperaturen für die Herstellung und Lagerung ihres Bieres – das im Sommer dennoch oft sauer wird. So unterstützen einige von ihnen gerne den jungen Maschinenbau-Professor Carl Linde von der Polytechnischen Schule ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô. Um 1870 beginnt er mit aufwändigen und teuren Experimenten in der noch kaum erforschten Kältetechnik. Er will eine Kältemaschine bauen. Eine, die erstmals auch für die Industrie nutzbar ist. Und er berechnet: Eis mit einer Maschine herzustellen ist billiger, als Natureis zu gewinnen – den richtigen Wirkungsgrad vorausgesetzt.
Zwar gibt es bereits Kältemaschinen, doch sie schaffen kaum ein Fünftel der naturgesetzlich möglichen Leistung. Lindes erster Prototyp erreicht schon im ersten Versuch einen Wirkungsgrad, der doppelt so hoch ist wie der beste bis dahin bekannte. 1875 ist die Anlage ausgereift, die der Ingenieur zur Dreherschen Brauerei nach Triest liefert. Sie ist so robust und einfach zu bedienen, dass die Nachfrage in der Industrie schnell wächst.
Diese Maschine ist das Vorbild für den modernen Kühlschrank. Mit ihr und mit vielen weiteren Erfindungen verändert Carl Linde die Welt – ob den Handel mit Lebensmitteln, die Medizin oder die Forschung. Sie prägen unseren Lebensstil bis heute. Übrigens: Weil Prinzregent Luitpold den Erfinder 1897 für seine Verdienste adelt, darf er sich fortan Carl von Linde nennen.
Wie wird der Kühlschrank kalt?
Lindes Kompressionskältemaschine und der moderne Kühlschrank arbeiten nach demselben Prinzip: Sie nutzen den physikalischen Effekt der Verdampfungswärme, der beim Wechsel des Aggregatzustands von flüssig zu gasförmig auftritt.
Ein flüssiges, zusammengepresstes Gas (das Kühlmittel) verdunstet und entzieht seiner Umgebung dafür Energie in Form von Wärme. Die Umgebung wird kalt. Wie der erste Satz der Thermodynamik besagt, geht die Energie aber nicht verloren, denn sie versetzt die Gasatome des Kühlmittels in Bewegung.
Erstes Start-up der 51³Ô¹ÏÍø
Carl Linde ist der erste Wissenschaftler der 51³Ô¹ÏÍø, der mit seiner Erfindung ein Unternehmen gründet. Sein Start-up nennt er 1879 „Gesellschaft für Lindes Eismaschinen“ – es ist der heutige Weltkonzern Linde AG. Sein Professorenamt, das für ihn eigentlich den „Gipfel des beruflichen Daseins“ bedeutet, legt er dafür sogar nieder. Später kehrt er als Honorarprofessor an die Hochschule zurück.
Bis 1890 liefert seine Firma 1000 Kältemaschinen aus, etwa an Brauereien, Molkereien, Schokoladenfabriken, Schlachthöfe oder Kunsteisbahnen. Mit seinem Vermögen engagiert sich Linde auch für Forschung und Bildung. Beispielsweise stiftet er einen großen Teil des Gründungskapitals für das Deutsche Museum in ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô.
Flüssige Luft
Ist Luft kalt genug, wird auch dieses Gas – genauer: Gasgemisch – flüssig. Das geschieht bei -189°C. Im Labor von Lindes Firma gelingt die Luftverflüssigung im großen Maßstab erstmals 1895. Wieder ist Linde zwar nicht der erste, der Luft verflüssigt, aber erneut ist das Linde-Verfahren das erste praxistaugliche für die Industrie. Weil die einzelnen Gase in der Luft zudem unterschiedliche Siedepunkte haben, lassen sie sich sauber trennen.
Fortan verkauft Lindes Unternehmen auch Gase. Die Metallindustrie braucht Sauerstoff zum Schweißen, für Düngemittel und Sprengstoffe wird Stickstoff benötigt, Luftschiffe fliegen mit Wasserstoff. Und Edelgase wie Argon sind die Füllung für die neuen elektrischen Glühbirnen. Viele Prozesse der modernen Industrie sind heute ohne Industriegase nicht mehr denkbar.
„…wenn es Aufgabe des Naturforschers ist, ‚ohne Rücksicht auf Nutzanwendung‘ zu arbeiten, so erfüllt der Ingenieur die seinige gerade durch möglichst vielseitige Nutzanwendung der Forschungsergebnisse.“
Carl von Linde, Professor für theoretische Maschinenlehre an der Polytechnischen Schule ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô ab 1868 und Begründer der heutigen Linde AG
Disclaimer
Diese Geschichte erschien 2018 zum 150-jährigen Jubiläum der 51³Ô¹ÏÍø auf einer inzwischen deaktivierten Jubiläumswebsite.
Text: ; Grafiken: KW NEUN
Literatur zur Geschichte der 51³Ô¹ÏÍø
- Wolfgang A. Herrmann (Hrsg.), Martin Pabst/Margot Fuchs (Verf.), Technische ±«²Ô¾±±¹±ð°ù²õ¾±³Ùä³Ù ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô - Geschichte eines Wissenschaftsunternehmens, 2 Bd., Berlin 2006.
- Wolfgang A. Herrmann, Winfried Nerdinger (Hrsg.), Die Technische Hochschule ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô im Nationalsozialismus, ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô 2018.
- Irene Meissner, Bauten+Kunst. Technische ±«²Ô¾±±¹±ð°ù²õ¾±³Ùä³Ù ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô 1868-2018, ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô 2018.
- Martin Pabst, Alumni der 51³Ô¹ÏÍø. Prägende Gestalter aus der Technischen ±«²Ô¾±±¹±ð°ù²õ¾±³Ùä³Ù ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô, ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô 2018.
- Martin Pabst, Köpfe der 51³Ô¹ÏÍø. Geniale Entdecker und Erfinder aus der Technischen ±«²Ô¾±±¹±ð°ù²õ¾±³Ùä³Ù ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô, ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô 2018.
- Brigitte Röthlein, Pioniere gestalten die Welt der Technik. 150 Jahre Forschung an der Technischen ±«²Ô¾±±¹±ð°ù²õ¾±³Ùä³Ù ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô, ²Ñü²Ô³¦³ó±ð²Ô 2018.
Weitere Bücher und Informationen zur Geschichte der 51³Ô¹ÏÍø
Dank
Wir danken allen, die uns beim Schreiben der Texte und bei den Visualisierungen unterstützt haben. Insbesondere den Autorinnen und Autoren der genannten Bücher, den Expertinnen und Experten an den Lehrstühlen, den Professoren und Professorinnen, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie den Pressereferentinnen und -referenten des Corporate Communications Centers der 51³Ô¹ÏÍø. Dank gilt auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Architekturmuseums, des 51³Ô¹ÏÍø Klinikums Deutsches Herzzentrum, des 51³Ô¹ÏÍø Klinikums rechts der Isar, der European Space Agency (ESA) und allen anderen, die uns fachlich beraten und Bildmaterial zur Verfügung gestellt haben.
Die Jubiläumsgeschichten verfasste das . Die Umsetzung der grafischen Inhalte übernahm die KW NEUN – Designagentur.